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20. Februar, 2012
Aus der Rede Chiara Lubichs beim internationalen Kongress zum Thema „Wirtschaft und Arbeit“, 1984 in Rom.

 

„Der Mensch muss das Bewusstsein neu entdecken, dass er nicht nur ein persönliches sondern auch ein soziales Wesen ist. Gott hat ihn so erschaffen und ohne diese Seite seines Wesens wäre er nicht Mensch im Vollsinn des Wortes. Zum Menschsein gehört – nach der Bibel – nicht nur die Gemeinschaft mit Gott, die Sorge um Nahrung, der Einsatz in der Arbeit, sondern auch das Sozialverhalten im Umgang mit anderen Menschen. Und was das heißt im Denken Gottes ist uns bekannt.

 Es bedeutet, die anderen Menschen zu lieben wie uns selbst. Wie uns selbst, nicht weniger. Eine Liebe, die vom anderen erwidert wird, also mehrere Menschen betrifft, gegenseitig ist und daher Einheit schafft, weil sie von Christus inspiriert ist. Hier liegt der springende Punkt, es geht darum, miteinander durchs Leben zu gehen, ein Herz und eine Seele zu sein. Diese Dynamik hat natürlich ihre Auswirkungen auf die aktuellen Probleme am Arbeitsplatz. Es geht hier um eine gemeinschaftliche Spiritualität, die aus dem Evangelium kommt. Darum liebt der Mensch, der sich von ihr leiten lässt, auch am Arbeitsplatz (vom Firmeninhaber, über die Verwaltungsangestellten, die technischen Leiter bis hin zum einfachen Arbeiter) die anderen wie sich selbst, so dass er eine einzige Sache mit ihnen wird. Dann ist es selbstverständlich, sich zuzuhören, die Mühen des anderen auf sich zu nehmen, die Probleme des anderen wie die eigenen ernst zu nehmen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen und sie so auch zu finden. Dazu gehört auch, die Arbeit neu zu strukturieren mit dem Einverständnis von allen Beteiligten. Alle haben gemeinsam Anteil an den Produktionsmitteln wie an den Früchten der Arbeit.

 Die Konsequenzen? Wenn der einzelne Arbeiter zum Beispiel früher von der Industrie unterdrückt und seine Persönlichkeit ausgeschaltet wurde, weil seine Arbeit Sklavendienst war, dem kein Wert beigemessen wurde, so erfährt er heute die Arbeit als Teil von sich selbst, als Frucht seiner Mühen, als Ergebnis seiner Intelligenz, auch die Arbeit der anderen, denn er geht ja einen gemeinsamen Weg mit ihnen. Das gibt der Arbeit eine ganz neue Bedeutung, einen neuen Stellenwert.

 Wir müssen also das soziale Gewissen in uns entdecken, auf ganz breiter Ebene. Arbeit und Wirtschaft eines Landes sind ganz eng mit der anderer Länder verknüpft. Der Papst sagt, es brauche ein soziales Gewissen auf planetarischer Ebene. Aber wer hilft dem Menschen bei diesem großen Unterfangen, sich Teil einer weltweiten Familie zu fühlen, ohne die eigenen Wurzeln und Bindungen aufzugeben, die Bindungen an seine Familie, sein Land, seine Nation mit allen Pflichten, die daraus resultieren? (Johannes Paul II. am 15.6.1982 in Genf). Die Menschen haben ja durch die Sünde die Verbindung zu Gott abgebrochen, und die Beziehung zu den anderen Menschen aufs Schwerste geschädigt.

 Wer kann hier eingreifen? Nur Christus der Herr, den man viel zu oft ins Privatleben verbannt, während seine Liebe weltumspannend ist. Er wird in Frömmigkeitsübungen abgedrängt, während er das notwendige Ferment in allen sozialen Beziehungen ist. Nur mit seiner Liebe kann man eine Welt aufbauen, in der Gerechtigkeit und Frieden dauerhaft gewährleistet sind.

Nur durch seine Liebe kann man Egoismus und Hass, die oft das soziale Leben im weitesten Sinn bestimmen, ausschalten. Seine Liebe ist es, die jeden Arbeitsplatz, jede Arbeitsgemeinschaft durch die Einheit aufbaut. Kontraste dienen nicht zur Verbesserung der Arbeit. Durch seine Liebe wird das gesamte soziale Leben nicht als Kampf gegen jemanden gesehen, sondern als Einsatz, um gemeinsam zu wachsen. Also nur eine Zivilisation der Liebe kann das erlösende Wort sagen in den komplexen Problemen der heutigen Arbeits- und Wirtschaftswelt.

 (Chiara Lubich, Rom, 3. Juni 1984)