Familie: den Individualismus aufbrechen

 
Chiara Lubich: Konflikte und Krisen in der Familie können bewältigt werden in der Nachfolge dessen, der aus Liebe zur Menschheit zu einem Individuum ohne Beziehungen geworden ist. Familie: Ort der Präsenz Gottes.

famiglia2„(…) Die eheliche Bindung erscheint heute fast als Widerspruch zur persönlichen Freiheit. Man unterstreicht mehr die Differenzen und Konfliktmöglichkeiten als die in der Beziehung liegenden Werte.

Auf politischer Ebene finden diese „faktischen Gegebenheiten” durch Institutionen und Regierungen ihren Niederschlag in Gesetzen, die im Gegensatz zum ganzheitlichen Wohl des Menschen stehen. Ehescheidung, Abtreibung, Euthanasie, biogenetische Experimente finden Eingang ins Bewusstsein als mögliche und folglich erlaubte Handlungsweisen. Sinken der Geburtenrate, freies Zusammenleben, sexuelle Anarchie werden auf immer breiterer Ebene üblich und anerkannt. (…)

Wie viele frustrierte und verlassene Ehepartner? Wie viele Kinder, die nur mit einem Elternteil aufwachsen? Wie viele Söhne und Töchter, die drogenabhängig sind? Wie viele in den Fängen der Kriminalität und der Prostitution?

Wie viele vom Krieg verschlungene Ehemänner und Söhne? Wie viele allein gelassene alte Menschen? Wie viele Kinder verhungern täglich?

(…) Ich sehe die Familie unserer Tage wie eine verwundete, trostlose Mutter, die das Leid der Menschheit in sich trägt und ihr Warum zum Himmel schreit.

(…) Doch wenn wir daran glauben, dass hinter dem Auf und Ab unserer Existenz Gott mit seiner Liebe steht, und wenn wir aus diesem Glauben heraus in den kleinen und großen Leiden eines jeden Tages bei uns und bei den anderen einen Schatten der Erfahrung des gekreuzigten und verlassenen Jesus entdecken, eine Teilhabe an dem Schmerz, der die Welt erlöst hat, ist es möglich, Sinn und Perspektive selbst der absurdesten Situationen zu erkennen.

Versuchen wir bei großen oder kleinen Leiden, angesichts von Widersprüchen und unlösbaren Problemen uns zu sammeln und der Absurdität, der Ungerechtigkeit, dem Schmerz des Unschuldigen, der Demütigung, der Entfremdung, der Verzweiflung … ins Auge zu blicken. Wir werden eines der vielen Gesichter des Schmerzensmannes erkennen.

Wir können ihm begegnen, der von einer göttlichen Person zu einem Individuum ohne Beziehungen geworden ist; ihm, dem Gott des zeitgenössischen Menschen, ihm, der das Nichts in Sein verwandelt, den Schmerz in Liebe. Unser Ja zu ihm (wenn wir ihn in Liebe aufnehmen,) wird ganz allmählich unsere Individualismen aufbrechen und uns zu neuen Menschen machen, die fähig sind, durch die Liebe die verzweifeltsten Situationen wieder heil werden zu lassen und mit Leben zu füllen.

(…) Hier handelt es sich nicht um Wunschträume, sondern um Erfahrungen im Alltag vieler Familien, für die durch den Bezug zum verlassenen Gott-Menschen ihr gerütteltes Maß an Leid zu neuem Leben geworden ist.

Manchmal wird alles wieder gut, die Partner finden wieder zusammen; manchmal auch nicht. Dann bleibt die Situation äußerlich, wie sie ist; doch der Schmerz bekommt einen Sinn, die Angst vergeht, der Bruch wird überwunden. Der körperliche oder seelische Schmerz bleibt, aber er bekommt einen Sinn, wenn man das eigene Leid mit der Passion Christi vereinigt, der weiterhin die Familien und die ganze Menschheit erlöst und rettet. Dann wird die Last leicht und das Joch drückt nicht.

Die Familie kann also versuchen, dem ursprünglichen herr­lichen Plan des Schöpfers zu entsprechen, indem sie an der Quelle der Liebe schöpft, die Christus auf die Erde gebracht hat.

Ehepaare und Familien können an dieser Quelle all ihren Durst nach Echtheit stillen, nach einer ständigen, vorbehaltlosen Gemeinschaft, nach transzendenten, dauerhaften Werten. Dies auch deshalb, weil die Möglichkeit besteht, dass Gott selbst in ihrem Haus zugegen ist und mit ihnen lebt. „Wo zwei oder drei in meinem Namen” (d. h. in seiner Liebe) „versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen” (Mt 18,20), hat Jesus versprochen. Eine grandiose Möglichkeit, die auch den Familien offensteht: sie können Ort der Präsenz Gottes werden.“

Chiara Lubich

(Aus dem Referat „Familie ist Zukunft“ beim Internationalen Kongress der „Schweizerischen Stiftung für die Familie“, Luzern/Schweiz, 16/05/1999)

 

Verhaltensregeln(500)

 

Read also