Miloslav Vlk: Der goldene Faden meines Lebens

 
August 1994: Der damalige Erzbischof Miloslav Vlk, der vor einem Monat zu Gott heimgerufen wurde, erzählt seine Lebensgeschichte in Montet (Schweiz). «Alles in meinem Leben ist ein Geschenk Gottes. Mein Familienname bedeutet

Miloslav_Vlk«Alles in meinem Leben ist ein Geschenk Gottes. Mein Familienname bedeutet Wolf, das trifft meinen Charakter ganz gut. Doch als ich begonnen habe, das Evangelium im Licht der Spiritualität der Einheit zu leben, wurde Vlk durch Miloslav ersetzt, und dieser Name wiederum bedeutet, sanftmütig. Eine seltsame Kombination: der sanftmütige Wolf, aber so ist es.“

Damit begann der Erzbischof von Prag seine Geschichte und fuhrt fort: „1964 machte ich eine Reise in die DDR, um mich bei einem Priester zu bedanken, der mir immer theologische Bücher schickte, bei uns gab es nichts dergleichen. Er hatte die Spiritualität in Erfurt kennengelernt und erzählte mir von der Fokolar-Bewegung und von Jesus dem Verlassenen. Ehrlich gesagt habe ich nicht viel verstanden. Ich erinnere mich, dass er mir ein Buch von Chiara Lubich schenkte.“

Später begegnete er Natalia Dallapiccola, einer der ersten Fokolarinnen, die von Chiara in die DDR geschickt worden war. Damals war Vlk noch nicht einmal im Seminar, das kam kurz darauf: „Ich hatte oft festgestellt, dass diese Spiritualität stimmte, sie war echt. Ich merkte das vor allem im Leben mit den Seminaristen, die ich unsympathisch fand.“ Und ausgerechnet mit einem von ihnen teilte er das Ideal der Einheit. „Nach der Priesterweihe 1968 wurde ich zum Sekretär des Bischofs von Ceské Budejovice ernannt, einem tief gläubigen Mann.“ Der Bischof jedoch hatte so seine Schwierigkeiten mit der vom Zweiten Vatikanischen Konzil angestoßenen Liturgiereform. „Ich verurteilte ihn deshalb, doch die Fokolare erklärten mir, dass ich ihn nicht kritisieren, sondern lieben sollte. Danach erfuhr ich, dass die Einheit tatsächlich der Weg ist, um selbst etwas zu verstehen und auch den anderen zu diesem Verständnis zu verhelfen.“

Nach 1968 bekam der Kommunismus noch mehr Macht. Miloslav, der als Pfarrer viel Einfluss auf junge Menschen hatte, wurde deshalb weit weg in ein verlorenes Bergdorf versetzt. „Hier habe ich Jesus den Verlassenen verstanden. Ich habe mich Gott übergeben, so wie Jesus sich am Kreuz dem Vater übergeben hat. Es war meine erste, tiefe Begegnung mit dem Verlassenen.“

Nach eineinhalb Jahren, nachdem er die Menschen dort lieben gelernt hatte, haben ihn die Kommunisten wieder fortgeschickt mit dem ausdrücklichen Verbot, die Messe zu feiern. „Meine Entscheidung für Jesus in der Verlassenheit, mein Ja zu ihm, wurde immer wieder eingefordert.“

Vlk wird in eine neue Pfarrei versetzt, in der er nur predigen und segnen darf. Hier beginnt er wieder von vorn. Aber auch diese Erfahrung dauert nicht lang. Die staatlichen Behörden entziehen ihm ganz die Amtsausübung. Doch der spätere Erzbischof lässt sich nicht unterkriegen: „Gott eröffnete mir andere Perspektiven. Ich fand eine Arbeit als Fensterputzer, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Ich konnte mich frei auf den Straßen von Prag bewegen und viele andere Priester treffen. Als einfacher und unbekannter Arbeiter war ich viel weniger kontrollierbar. Am Anfang habe ich mich jedoch gegen diese neue Begegnung mit dem Verlassenen gewehrt. Doch dann vernahm ich seine Stimme in mir: ‚Ich liebe dich, ich will dich, nicht deine Arbeit, ich will die direkte Begegnung mit dir.‘ Von dem Augenblick an gab ich ihm jeden Morgen mein Ja. Zehn Jahre lang zog ich durch die Straßen mit meinem Eimer und meinem Putzzeug. In der Hitze und in der Kälte, auf verkehrsreichen, engen, dreckigen und luftverschmutzten Straßen.“

1980 wird das Männerfokolar in Prag eröffnet und der Arbeiter Miloslav zieht dort ein. „Das waren gesegnete Jahre. Ich habe besser verstanden, was Gott von uns Priestern will: weitergehen mit der Kraft von Jesus in unserer Mitte, Jesus den Verlassenen erkennen und lieben, jeden Tag neu beginnen.“

1987 ein plötzlicher Infarkt. „Im Krankenhaus fragte ich Gott:‘Warum? Ich habe das Priestertum verloren und jetzt verliere ich auch mein Leben…Und wieder einmal habe ich begriffen, dass das alles Sein Antlitz war, und ich habe mich in Seine Hände übergeben.“

Miloslav VlkEin Jahr vor dem Mauerfall wurde ihm wieder die Erlaubnis erteilt, sein Priesteramt auszuüben. Er wurde zum Bischof von Ceské Budejovice ernannt. Wenig später erreicht ihn eine andere Ernennung: „Der Heilige Vater wünschte, dass ich als Erzbischof nach Prag übersiedelte. Da wurde mir klar, dass Jesus der Verlassene immer der goldene Faden in meinem Leben war.“

Im folgenden Jahr wurde er nach Kardinal Martini, dessen Amtszeit abgelaufen war, zum Präsidenten des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen (CCE) gewählt. „Ich war sehr unsicher, denn ich war ja viele Jahre abgeschnitten vom Rest der Welt. Aber die Fokolar-Bewegung stützte mich. Ich trat vor den Eucharistischen Jesus und sagte ihm: ‚Das ist deine Sache, das Reich gehört dir, nicht mir.‘ Diese neue Umarmung des Verlassenen hat mich befreit.“

Dann folgen intensive, arbeitsreiche Jahre an vielen Baustellen, wobei sicherlich die 18 Jahre eine wichtige Rolle spielten, in denen er sich um die Gemeinschaft der Bischöfe kümmerte, die sich die Spiritualität der Einheit zu eigen gemacht haben.

Vor einem Monat, am 18. März 2017, starb Kardinal Vlk. Die Kathedrale von Prag war überfüllt von Menschen, die ihm tief bewegt das letzte Geleit geben wollten.

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