Chiara Lubich: Maria, wie eine göttliche geneigte Ebene

 
Die Fokolar-Bewegung widmet dieses Jahr der Vertiefung ihrer Kenntnisse über Maria, das Geschöpf, das befähigt wurde, den Sohn Gottes in sich zu tragen. In einem Text aus dem Jahr 1958 erläutert Chiara Lubich einige von Marias Eigenschaften.
scultura Mater Cristi_AveCerquetti_CentreArt_Loppiano
Ave Cerquetti, ‚Mater Christi‘ – Roma, 1971

Maria wird nicht leicht von den Menschen verstanden, auch wenn sie von vielen geliebt wird. In Menschen, die dem Glauben fernstehen, findet man oft eher Verehrung für Maria als für Jesus. Maria wird von allen geliebt.

Und das hat seinen Grund darin, dass sie Mutter ist.

Eine Mutter wird im Allgemeinen – zumal von den Kleinsten – nicht verstanden, sie wird geliebt. Wie oft kommt es vor, dass ein hoch betagter Mensch mit diesem Wort auf den Lippen stirbt: „Mutter!“

Wer die Mutter ist, erfasst man nicht so sehr mit dem Verstand, man erahnt es mit dem Herzen. Die Mutter ist mehr Poesie als Philosophie, nicht Spekulation, sondern wirkliche Nähe; sie ist etwas zu Tiefes, zu nah ist sie dem menschlichen Herzen.

Das gilt auch für Maria, die Mutter aller Mütter, an die die Liebe, Güte und Barmherzigkeit aller Mütter dieser Welt nicht heranreichen.

Jesus steht uns in gewisser Weise mehr gegenüber: Seine göttlichen Worte sind unverwechselbar, zu verschieden von den unsrigen; sie sind geradezu ein Zeichen des Widerspruchs.

Maria ist friedlich wie die Natur, rein, leuchtend, klar, maßvoll und voller Schönheit, wie die Natur fern von der Welt, die Berge, die Wiesen, das Meer, der blaue Himmel oder die sternenübersäte Nacht. In der Natur zeichnet sich das Leben, das immer neu erblüht, dadurch aus, daß es Gutes hervorbringt, mit der Schönheit duftender Blüten geschmückt ist und freigebig überreiche Früchte austeilt.

Maria ist zu einfach und steht uns zu nahe, um „betrachtet“ zu werden. Maria wird besungen von Menschen reinen Herzens, die ganz verliebt sind und ihr das Beste widmen, das sie in sich tragen.

Behutsam bringt Maria das Göttliche auf die Erde, wie eine sanft geneigte Ebene, die von den höchsten Himmelshöhen zu den verschwindend kleinen Geschöpfen hinabreicht. Sie ist die Mutter aller und jedes einzelnen. Sie spricht zu ihren Kindern in deren Sprache und lächelt uns zu – auf so einzigartige Weise, dass jeder, auch der Kleinste, sich ihrer zärtlichen Liebe erfreuen und diese erwidern kann.

Maria kann man schwerlich begreifen; denn sie steht uns zu nah. Sie, die der ewige Gott erwählt hat, den Menschen die Gnaden, die göttlichen Schätze ihres Sohnes zu bringen, ist bei uns. Immer wartet und hofft sie darauf, dass wir ihren Blick bemerken und entgegennehmen, was sie uns schenken möchte.

Wer das Glück hat, sie zu verstehen, den entführt sie in ihr Reich des Friedens, wo Jesus regiert, in jenen Himmel, dessen Atem der Heilige Geist ist. Gereinigt von unseren Sünden und erleuchtet in unserer Finsternis, werden wir sie dort betrachten und uns an ihr erfreuen: an diesem Himmel, der zu dem anderen hinzukommt – ein eigener Himmel.

Wenn Maria uns hier auf Erden auf „ihren“ Weg ruft, sollten wir auf dieses große Geschenk nicht engherzig antworten. Belassen wir es nicht bei Anrufungen und Bitten, bei einer eigennützigen Liebe zu ihr. Lernen wir Maria tiefer kennen, damit wir sie ehren können.”

 

Aus: Chiara Lubich, Alle sollen eins sein, Verlag Neue Stadt, München 1995, S. 100 ff.

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