Wir wollen den Frieden

 
Igino Giordani schrieb 1925 “Rivolta cattolica”, nachdem er die Schützengräben des Ersten Weltkrieges erlebt hatte, und in Europa wieder kriegerische Töne angeschlagen wurden. Dieser Text wurde 2016 neu aufgelegt.

IginoGiordani_04112017Frieden ist Wissenschaft, Zivilisation, Licht: Krieg ist Unwissenheit, Instinkt, Dunkel. Wenn man sich vom Blutbad eine bessere Gesellschaft erwartet, das heißt das Gute vom Bösen, das Weiße vom Schwarzen, dann ist das gleichbedeutend mit der Erwartung, dass die Guillotine eine bessere Pädagogik in den Köpfen hervorbringt, die sie abschneidet.

Die Wissenschaft, die neue Vernichtungsinstrumente ausklügelt, wird den nächsten Weltkrieg mit raffinierter, methodischer und vortrefflich dummer Grausamkeit ausstatten.

Die Angst bestimmt die Beziehungen unter den Menschen. Von ihr in die Enge getrieben halten ausgeblutete Länder einen riesigen Militärapparat aufrecht, dessen Kosten explodieren (…).

Es gäbe eine Lösung: die Angst ersetzen durch gegenseitiges Vertrauen, die Gleichgültigkeit durch Freundschaft. Doch die Lösung ist viel zu einfach und darum sehr, sehr schwierig. Sie würde verschiedene Oligarchien an den Bettelstab bringen.

Impulsive junge Hitzköpfe und Besserwisser, Abgeordnete und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, oberflächliche Journalisten und Nagetiere der Banken, geschmacklose junge Frauen und alte Jungfern in den Komitees, große und kleine Spekulanten, Generäle und Professoren, sie alle, die für den Krieg eintreten, würde ich für nur zehn Minuten unter einem Bombenangriff in einen Schützengraben schicken, wo der Verstand ausgeschaltet ist und die ganze Natur sich auflehnt – falls einer von ihnen lebend davon kommt, wird er verstehen, was Krieg ist, und er wird ihn verfluchen.

Diese ehrenwerte Gesellschaft von Ministern, Abgeordneten und Journalisten, die uns, die wir den Krieg erlebt haben, die Bedeutung des Krieges erklären will, sollte ein für alle Mal begreifen, dass ihre Darlegungen bei uns nur Brechreiz hervorrufen; wir wollen vergessen…

Wir wollen Frieden, Unbeschwertheit; wir wollen, dass die Gewalt, die sie lostreten, sich wieder legt. Ist das zu viel verlangt?

Igino Giordani,  “Rivolta Cattolica”, Edizioni Gobettiane, 2016, Rom, S.10-13

 

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