Ein unersetzliches Mittel auf dem Weg zur Geschwisterlichkeit

 
Der Theologe Pasquale Foresi (1929-2015) denkt nach über die christliche Tugend des Gehorsams und verweist auf Maria als Vorbild eines grenzenlosen Gehorsams Gott gegenüber

IconMaryIn unserer Zeit hält man nicht viel vom Gehorsam. Der Wind der Freiheit, der Geschwisterlichkeit, der Gleichheit, der durch die Französische Revolution freigesetzt worden ist, hat unser Leben erobert, unsere Zeitungen, unsere Hinterhöfe, unsere Häuser, unsere Pfarreien und Klöster. (…) Gehorsam scheint geradezu im Gegensatz zu stehen zur Frohen Botschaft des Evangeliums, dass wir alle Brüder und Schwestern in Christus sind. (…)

Doch Gehorsam bedeutet nicht die Abdankung unserer Persönlichkeit, eine unmenschliche Demütigung. Im Gegenteil, er verhilft uns zur Selbstverwirklichung, zur Entwicklung unseres Ichs, denn durch den Gehorsam werden wir eingegliedert in einen sozialen Kontext, ohne den wir weder natürlich noch übernatürlich unsere Fähigkeiten unter Beweis stellen können. Wenn der Wille dessen, der legitimerweise mein Vorgesetzter ist auf zivilem oder kirchlichem Gebiet, mich darauf verweist, was ich tun oder nicht tun soll, dann hebt mich das auf eine höhere und weitere Ebene, nämlich die Ebene des Gemeinwohls, auch wenn es meinen persönlichen Projekten oder meiner Denkweise widerspricht.

Das Beschnittenwerden, das ich dabei empfinde, der Kontrast zu meinem Willen sind der notwendige Preis für diese Erhöhung. In einem solchen Augenblick wachse ich als Mensch zu größerer Fülle. Ich bin mehr eins mit den anderen, ich entdecke sie als Brüder und Schwestern, ich erfahre die Frucht der Gemeinschaft. Der Gehorsam ist also weit davon entfernt ein Kontrast zur Geschwisterlichkeit zu sein, er macht sie erst möglich. (…)

Oft werden im Gespräch über den Gehorsam nur die asketischen Aspekte betont: wenn die Seele des Menschen durch den Verzicht auf den eigenen Willen vervollkommnet wird, wen man sich von den Leidenschaften befreit usw. Das stimmt natürlich, aber weitaus größer ist das, was man dadurch empfängt, die mystische Teilhabe am Menschsein Christi, die uns damit beschenkt, im eigenen Herzen die Gefühle Christi nachzuempfinden (vgl. Phil 2,5).

Die Gottesmutter Maria ist das beste Beispiel für den gelebten inneren Gehorsam. Als sie dem Engel antwortet: „Ich bin die Magd des Herrn“; als sie nach Bethlehem geht, um dem römischen Kaiser zu gehorchen; als sie „eilends“ aufbricht, um Elisabeth beizustehen; als sie bei der Hochzeitsfeier von Kana Jesus um das Wunder bittet; als sie unter dem Kreuz ihren Sohn hergibt, um mit Johannes zu gehen; als sie mit den Aposteln betet in liebevoller Erwartung des Heiligen Geistes: ihr Leben vollzieht sich in ständigem Gehorsam Gott gegenüber, sie gehorcht den Menschen und den Umständen.

Wenn wir wie Maria zu leben versuchen, werden wir Anteil bekommen an ihrem inneren Leben und ihrer Fügsamkeit. Wie der sterbende Fokolar Andrea Ferrari, der mit einem Lächeln auf den Lippen zu derjenigen, die ihn darauf vorbereiten wollte, den Tod als Willen Gottes anzunehmen, mit großer Selbstverständlichkeit sagte: „Wir haben gelernt, ihn immer zu erkennen, auch im Rot einer Ampel.“

Aus: Pasquale Foresi – Parole di Vita – Città Nuova 1963 – S. 197-200

Verhaltensregeln(500)

 

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