Mehr als Schwestern

 
Auszug aus einem Artikel von Florence Gillet im “Osservatore Romano” vom 3. April 2018. Chiara Lubich und ihre ersten Gefährtinnen: Mehr als Schwestern.

“Die Hilfe unserer Geschwister – wir übersehen sie viel zu oft. Wie viel Mut finden wir in ihrem Glauben, wie warm ist ihre Liebe, wie sehr reißt uns ihr Beispiel mit!“ Chiara Lubich, von der diese Worte stammen, ist bekannt als ein Mensch, der Hunderttausende mitriss in die Nachfolge Christi, der Beziehungen aufbaute zu Buddhisten und Muslimen, der auch Menschen ohne religiösen Glauben in seinen Bann zog und das politische und wirtschaftliche Leben mit neuem Gedankengut bereicherte und in Brand steckte. Dabei war die Freundschaft mit ihren ersten Gefährtinnen von nicht unwesentlicher Bedeutung. Alles begann mit der Entscheidung, für Gott zu leben und sich ihm 1943 in Trient in der Jungfräulichkeit zu weihen. Sehr schnell kam dabei zum „Ich“ ein „Wir“ hinzu: Chiara und die ersten Fokolarinnen handelten, beteten, liebten gemeinsam. Sie hätten ganz normale Frauen werden können, doch jede von ihnen wurde ein Scheinwerfer in einem der fünf Kontinente.

Diese Geschichte ist genauso unglaublich, wie sie einfach ist. Mann beginnt das zu verstehen, wenn man das 13. Kapitel im Johannesevangelium aufschlägt: „Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben“ (Joh 13,34). Ein Gebot, das man nur gemeinsam erfüllen konnte. Als sie im Luftschutzkeller diese Seite miteinander lasen, warfen sie sich einen Blick zu und stellen sich ohne zu zögern, diesem Anspruch: Ich bin bereit, für dich zu sterben, ich für dich, ich für dich, alle für alle. Chiara sieht in diesem Versprechen, in diesem Pakt, den Eckstein für den Aufbau der Fokolar-Bewegung. Das ist nichts Ungewohntes in der Kirche. Aber es ist vielleicht auch etwas Neues: Chiara lässt ihre Gefährtinnen an allem teilnehmen, was sie selbst lebt, was der Heilige Geist ihr eingibt. Unter ihnen besteht ein unzerstörbares Band. Ich möchte auf die Qualität dieser Beziehung näher eingehen, die wertschätzt, Talente und Fähigkeiten freisetzt und ein Werk Gottes aufbaut.

Wir sind im Jahr 1954. Zehn Jahre sind vergangen. In Rom leben mit Chiara Giosi, Graziella, Natalia, Vittoria (genannt Aletta), Marilen, Bruna, Giulia (genannt Eli). Eines Tages, während Chiara sie betrachtet, kommt ihr ein Satz aus dem Buch der Sprichwörter in den Sinn: “Die Weisheit hat ihr Haus gebaut, ihre sieben Säulen behauen” (Buch der Sprichwörter, 9,1). Sie sieht sieben junge Frauen vor sich, jede mit einem großen Talent, vereint und in Gott verwurzelt. Die sieben Säulen der Weisheit, die sieben Farben des Regenbogens, die alle aus einem einzigen Licht stammen, der Liebe. Sieben Aspekte der Liebe, die miteinander zusammen hängen, ineinander und auseinander fließen. Chiara vertraut Giosi die Verwaltung der Gütergemeinschaft an, die Verwaltung der Gehälter, die die Einzelnen durch ihre Arbeit verdienen und die Sorge um die Armen: das Rot der Liebe. Graziella vertraut sie „das Zeugnis und die Ausbreitung“ an, das Orange. Natalia war ihre erste Gefährtin: sie verkörpert das Herz dieses Ideals, den Schrei des Verlassenen am Kreuz, den sie lieben wollen. Natalia trägt dieses Geheimnis hinter den Eisernen Vorhang. Die Spiritualität und das Gebet ist ihre Aufgabe, das Gelb im Regenbogen. An Aletta erinnert man sich als an diejenige, die die Mitglieder der Bewegung dazu ermahnt, auf ihre Gesundheit zu achten, um eine Gemeinschaft in der Liebe aufzubauen: sie tat das im Nahen Osten, während des Krieges im Libanon. Chiara vertraute ihr die Natur an und das physische Leben, das Grün. Marilen, die 15 Jahre lang im afrikanischen Busch im Kamerun lebte, in einem Eingeborenenstamm, und die Liebe bezeugte durch die große Wertschätzung, die sie seiner Kultur entgegen brachte, vertraut Chiara das Blau an: die Harmonie in der Bewegung, die Gestaltung der Häuser, der Kleidung. Bruna war Wissenschaftlerin und Chiara sah in ihr diejenige, die den Aspekt des Studiums und der Weisheit vertiefen und entwickeln sollte, das Indigo. Eli, die immer an der Seite Chiaras lebte und sich um die Einheit unter allen Mitgliedern der Bewegung in der Welt sorgte, wurde der Aspekt der „Einheit und der Kommunikationsmittel“ anvertraut, das Violett. Andere der ersten Gefährtinnen Chiaras bekamen später von ihr besondere Aufgaben: Dori, Ginetta, Gis, Valeria, Lia, Silvana, Palmira.

1959: Lia, Marilen, Bruna

Chiara selbst betonte, dass die “Philadelphia (geschwisterliche Liebe), mehr als nur eine Wirklich ist. Daraus schöpfe ich nach der unmittelbaren Einheit mit Jesus die Kraft, um die Kreuze auf mich zu nehmen. Eine kümmert sich um die andere, je nach Lage der Dinge. Hier geht man von tiefen Gesprächen über die Weisheit […] über zu praktischen Ratschlägen zu Fragen der Gesundheit, der Kleidung, der Einrichtung, der Ernährung. Hier bist du tief überzeugt, dass man dich nie verurteilen wird, nur lieben, helfen und dir vergeben. Hier bist du zuhause, aber es ist ein himmlisches Zuhause. Wenn ich wissen will, ob ich wirklich eine Eingebung habe, ob ich einen Artikel noch verbessern muss, dann lese ich ihn ihnen vor und bitte sie darum, einfach zuzuhören und sich jeden Urteils zu enthalten. Sie tun es, und ich höre die laute Stimme Jesu in mir, die sagt: „Das ist gut, da musst du nochmal von vorn anfangen, hier musst du etwas besser erklären.“ Dann lese ich ihnen den Text wieder vor, und er ist so wie wir ihn uns wünschen.“ Es überrascht nicht, dass Chiara uns einen Satz als Testament hinterlassen hat: „Seid immer ein Familie“.

Verhaltensregeln(500)

 

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